Gefängnis ohne Gitter


Ein Gefängnis ohne Gitter – kann das funktionieren? Das Seehaus Leipzig setzt im Jugendstrafvollzug auf Verantwortung statt Verwahrung: mit festen Regeln, Arbeit, Ausbildung und pädagogischer Begleitung. Seit 15 Jahren ist das Konzept in Sachsen etabliert.

Keine Gitter, keine Mauern – stattdessen Wohnhäuser, Ausbildungswerkstätten und ein Alltag mit festen Regeln. Das im Jahr 2018 bezogene Gelände des Seehauses Leipzig am Nordufer des Hainer Sees unterscheidet sich grundlegend von einer klassischen Justizvollzugsanstalt. Dennoch verbüßen hier junge Männer im Alter zwischen 14 und 27 Jahren reguläre Haftstrafen.

Im Juni 2026 feierte das sächsische Projekt sein 15-jähriges Bestehen. Der Verein Seehaus e. V. betreibt bereits seit 2003 einen Strafvollzug in freien Formen in Leonberg. Im September 2011 folgte dann das Seehaus Leipzig. Was im sächsischen Störmthal begann, ist heute ein etablierter Bestandteil des sächsischen Jugendstrafvollzugs. Während Befürworter das Konzept als zukunftsweisend loben, bleibt die Debatte um das „Gefängnis ohne Gitter“ ein rechtspolitischer Dauerbrenner.

Aufmerksamkeit

Das Seehaus Leipzig war in den vergangenen Monaten Schauplatz mehrerer hochrangiger politischer Termine. Im April besuchte die sächsische Justizministerin Prof. Constanze Geiert die Einrichtung und unterstrich den Stellenwert des Projekts für die Resozialisierung. Im Juni nutzte der Arbeitskreis „Verfassung, Recht und Europa“ der CDU-Landtagsfraktion die Einrichtung für eine Tagung direkt vor Ort.

Die Unterstützung aus verschiedenen politischen Lagern steht allerdings einer anhaltenden Debatte mit der AfD gegenüber. Die Partei lehnt das Konzept seit früheren parlamentarischen Diskussionen ab und kritisiert insbesondere den Einsatz staatlicher Mittel für diese Vollzugsform*. Sie fordert eine Fokussierung auf den klassischen, geschlossenen Strafvollzug, da nur dieser den unmittelbaren Schutz der Bevölkerung garantiere.

Demgegenüber stehen allerdings Erkenntnisse der kriminologischen Forschung. Eine Erhebung des Kriminologischen Dienstes des Freistaates Sachsen untersuchte die Rückfallquoten von jungen Männern nach der Entlassung aus der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen**. 

Das Ergebnis stützt die Argumentation der Befürworter alternativer Konzepte: Die Rückfallquote nach dem klassischen, geschlossenen Vollzug bewegt sich in einem Zeitraum von wenigen Jahren zwischen 50 und 70 %. Bundesweite und internationale Statistiken scheinen diesen Trend zu bestätigen, wobei zu beachten ist, dass in den offenen Vollzug nur geeignete Gefangene verlegt werden. Im offenen Vollzug liegt die Rückfallquote bei ca. 30–40 %. 

In Finnland ist beispielsweise rund ein Drittel des gesamten Strafvollzugs mauerlos in Form von offenen Gefängnissen organisiert. Die Rückfallquote ist dort auf bis zu 36 % gesunken und reduziert die Betriebskosten im Vergleich zum geschlossenen Vollzug deutlich. Die Forschung legt daher nahe, dass langfristige Sicherheit weniger durch reine Verwahrung entsteht, sondern maßgeblich von erfolgreicher Resozialisierung abhängt. 

Strikter Tagesablauf statt „Kuschelkurs“

Ein Blick auf die pädagogische Konzeption des Seehaus e. V. zeigt, dass der Alltag keineswegs von einem „Kuschelkurs“ geprägt ist. Die Tage sind stark durchstrukturiert und fordern ein hohes Maß an Selbstdisziplin:

Gemeinsamer Tagesbeginn um 05:45 Uhr und verpflichtender Frühsport gehören ebenso dazu wie ganztägiger Arbeitseinsatz oder eine Ausbildung in den hauseigenen Werkstätten, Schulunterricht zum Erwerb von Schulabschlüssen sowie regelmäßige soziale Trainings. Wer die Kooperation verweigert oder gegen die Regeln verstößt, verliert seinen Platz im Programm. Erholung und Laissez-faire sehen anders aus.

Seehaus e.V.

Seehaus e.V. gibt straffällig gewordenen Jugendlichen eine zweite Chance. Gleichzeitig setzt sie sich der Verein für die Belange der Opfer ein und fördert Wiedergutmachung, Heilung und Versöhnung. Ziel ist es, Verantwortung zu übernehmen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Seehaus ist ein Herzensprojekt von Energiestifter und wird durch Erlöse aus Strom- und Gasverträgen unterstützt, bei denen Kunden „Seehaus“ als Wunschprojekt ausgewählt haben.

„Nicht Verwahrung schafft Sicherheit – sondern die Chance auf Veränderung.“

Strenge Selektion im Vorfeld

Sexualstraftäter sind vom Vollzug in freien Formen ausgeschlossen. Aufgenommen werden ausschließlich Jugendliche, die bereit sind, an sich zu arbeiten und die sich aktiv um das Programm beworben haben. 

Die Erfahrungen aus fünfzehn Jahren in Sachsen und über zwei Jahrzehnten in Leonberg zeigen, dass Strafvollzug in freien Formen einen wichtigen Beitrag zu nachhaltiger Resozialisierung leisten kann. Langfristige Sicherheit entsteht nicht allein durch das Wegschließen von Straftätern, sondern dadurch, dass junge Menschen befähigt werden, nach der Haft ein straffreies Leben zu führen.


* 6. Wahlperiode, Plenarprotokoll 6/70 zur gesetzlichen Verankerung der Vollzugsform im freien Vollzug

** veröffentlicht in der Fachreihe Daten & Dialog, Ausgabe Nr. 16, www.justiz.sachsen.de/kd/veroeffentlichungen

Seehaus e.V.

Seehaus e.V. gibt straffällig gewordenen Jugendlichen eine zweite Chance. Gleichzeitig setzt sie sich der Verein für die Belange der Opfer ein und fördert Wiedergutmachung, Heilung und Versöhnung. Ziel ist es, Verantwortung zu übernehmen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

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